Wir hatten sehr großen Respekt davor in dieses Land zu fahren. Doch im Vergleich zu Honduras ist es noch etwas sicherer für Tourist:innen. Daher entschieden wir uns durch El Salvador (und ein bisschen Honduras) nach Nicaragua zu reisen. El Salvador war im März diesen Jahres wieder unrühmlich in der Presse, da aufgrund einer extremen Mordrate der Notstand ausgerufen wurde (El Salvador führte lange die unrühmliche Liste der höchsten Mordrate der Welt an). Wir waren (an)gespannt was dies für uns bedeutet und wie die Lage im Land ist. El Salvador ist arm, und wird von zwei großen Gangs beherrscht (das kleine Land hat eine sehr spannende Geschichte, bzw. steckt noch mittendrin).
Der Grenzübertritt war auch wieder sehr spannend. Unten haben wir ein kurzes Zeitraffer Video unserer Dashcam für den Grenzübertritt Guatemala/El Salvador erstellt, um euch einen kleinen Einblick des Grenzwahnsinns zu geben. Sobald man auf die Grenze zufährt, erreicht man 5-10 km vorher eine laaaange Lkw-Schlange, die sich keinen Millimeter vorwärts bewegt. Dann heisst es „Alles, was man je in der Fahrschule gelernt hat, oder wir-stellen-uns-brav-in-der-Schlange-an-Mentalität über Bord werfen“. Sprich, man fährt auf der Gegenfahrbahn an den Trucks vorbei. Wenn kein Gegenverkehr kommt, ist das alles kein Problem, und falls doch wird einfach irgendwo ein Plätzchen zum Aneinander-Vorbeifahren gesucht. So werden aus 2 Spuren schnell mal 3, aber der Gegenverkehr kennt das Spiel ja schließlich (von der anderen Seite der Grenze). In dem Video unten haben wir zwischendurch dann nochmal ~3km freie Fahrt; da die Polizei vermeiden will dass die wartenden Trucks die Grenzstadt völlig lahmlegen, wird der Stau vorher künstlich erzeugt. Irgendwann ist man vorne und parkt irgendwo in der Nähe der offiziellen Grenzgebäude. Anschließend schickt man ein paar Leute weg, die einem bei den Ausreise-Formalitäten helfen wollen. Für Leute die 0,0 Spanisch sprechen sind die 5-10€ sicher gut investiert, aber mit meinen Basis-Spanischkenntnissen, Google-Translate und unserer Erfahrung haben wir die Dienste bislang nie gebraucht. Anschließend holt man sich den Ausreisestempel (dauert 5-10min), und dann heißt es Anstellen beim Zoll um die temporären Importerlaubnis (TIP) für den Bus zu beenden. Je nach Grenze, Uhrzeit und Glück dauert das 15-60 Minuten. Anschließend geht’s wieder ins Auto. Ein paar Meter weiter wird nochmal Pass und TIP gecheckt, und man ist erstmal „staatenfrei“. Wieder geht es vorbei an wartenden Trucks; rechts, links, über Seitenstraßen, durch den Matsch, … was eben sein muss. An der nächsten Grenze ist das Prozedere zwar ähnlich, dauert aber typischerweise deutlich länger da hier die Einreise folgt, nicht die Ausreise. Normalerweise heißt es hier, COVID-Nachweis vorlegen und Temperatur checken lassen, Einreisestempel holen (+ evtl. Gebühr bezahlen), Kopien für den Zoll machen lassen, temporäre Importerlaubnis für den Bus ausstellen lassen (am Bus werden die Fahrgestellnummer gecheckt, und mal schnell reingeschaut), falls nötig Kfz-Versicherung abschließen, fertig. Man braucht massenweise Kopien von Pass, Führerschein, Fahrzeugschein, … Keine Ahnung was mit den Tonnen an Kopien gemacht wird, aber nach 1-3h hat man es geschafft; und weiter geht’s. Von Guatemala nach El Salvador war bisher unsere schnellster und unkomplizierteste Grenzübergang.
Auch in El Salvador (wie in Belize) ließen wir San Salvador (Hauptstadt), aufgrund der hohen Kriminalität, aus. Wir fuhren also von Antigua nach Santa Ana. Die einigermaßen sichere Stadt wählten wir als Basis für Ausflüge in den Westen des Landes, welcher den Großteil der Sehenswürdigkeiten beherbergt.
Bei der Fahrt nach Santa Ana fühlten wir uns jetzt nicht sonderlich unsicher – dennoch entschieden wir uns den Aufstieg auf den Vulkan Santa Ana (oder auch Ilamatepec) mit einem Touranbieter zu machen (Vulkanwanderungen gelten als häufiger Angriffspunkt für Überfälle auf Touristen). Frühmorgens ging es also los mit der Anfahrt zu diesem Kleinod, welches wir vor allem aufgrund des grünen Kratersees besteigen wollten. Der Aufstieg war leicht und mit schönem Ausblick auf einen anderen Vulkan, wenn auch zu Beginn wolkenverhangen. In unserer Gruppe war ein Mädchen welches sich den Knöchel verstaucht hatte, weswegen wir im Schneckentempo hochliefen, so blieb viel Zeit die Landschaft zu genießen. 🙃
Entlang des Weges standen einige Polizisten. Auf Nachfrage erfuhren wir, dass diese jeden Tag auf den Vulkan laufen und warten, da hier früher häufig Tourist:innen überfallen wurden, und alles geklaut wurde (inklusive der Schuhe 🙈, damit man nicht so schnell wieder vom Vulkan herunterkommt). Wir bedankten uns alle bei Ihnen, die nett zurück lächelten – als wir später auf dem Krater oben waren, entdeckten wir einen der Polizisten beim Selfie-Machen. Der Vulkan scheint durch die Polizeipräsenz wohl deutlich sicherer geworden zu sein, wenn Zeit genug für ein Selfie ist – es war auf jeden Fall sehr lustig.😀 Alles in Allem fühlten wir uns sehr sicher, und hatten das Gefühl, dass sowohl am Weg, als auch oben am Kraterrand alle Guides, Polizisten etc. aufeinander und ihre „Grüppchen“ aufpassten (wir wurden sehr freundlich zu Vorsicht gewarnt auch von anderen Guides, als wir zu nah am Kraterrand standen). Als wir oben waren, war der Ausblick jedenfalls atemberaubend und den kleinen Aufstieg mehr als wert! Der Vulkan ist noch aktiv und wir rochen die Schwefeldämpfe und sahen das Wasser blubbern wo es über 140° heiß ist.







Zum Abschluss des Tages ging es noch zum Entspannen zum Lago Coatepeque, ein beliebtes Ausflugsziel zum Baden und Jetskifahren, eingerahmt von Vulkanen.




Ein weiteres Ziel in der Nähe von Santa Ana war die Mayastätte Tazumal (die Bedeutendste in El Salvador) über die recht wenig bekannt ist. Diese Stätte ist deutlich kleiner und weniger spektakulär, aber ein willkommener Zwischenstopp.
Wir waren auf dem Weg um die Ruta de las Flores abzufahren. Eine Straße welche verschiedene Dörfchen (Nahuizalco, Salcoatitán, Juayúa, Apaneca, Ataco, Ahuachapán) verbindet, von denen jedes eine andere Nische bedient (bzw. bedient hatte). Manche sind berühmt für Korbwaren, andere für Möbel. Mein Fazit ist, dass bedingt durch den Tourismus alle Läden in den kleinen Gemeinden das gleiche typische Touri-Repertoire im Angebot haben und heute von den Besonderheiten der Dörfer nur noch außerhalb der Innenstädte vielleicht spezielle Geschäfte zu finden sind. Trotzdem war der Besuch der Dörfchen ein sehr entspannter Trip, und da wir außerhalb des Wochenendes hier waren, konnten wir sehr viel des alltäglichen Lebens entdecken.
Die weitere Fahrt durch El Salvador blieb eher ereignislos, mal abgesehen von der Tatsache, dass wir hier das erste Mal offiziell auf der Panamericana fuhren. Am letzten Tag vor unserem Grenzübergang und der Fahrt nach Honduras/Nicaragua (in einer Tagesetappe), gönnten wir uns noch die nationale Zubereitungsform von Tortillas – Purpusas.
Das sind gefüllte Tortillas z.B. mit Bohnenpaste, Hackfleisch, oder auch nur Käse (für mich definitiv die schmackhafteste Tortillla-Variante bisher😀). Außerdem kochten wir in der Küche unserer Unterkunft sehr „stilecht“. In diesen Ländern gibt es selten Küchen im Haus, hier ist Wasch-Ess-Küche im Freien.
Wenn wir El Salvador mit einem Wort bezeichnen müssten – dann wäre es wohl putzig. Auch wenn das den größtmöglichen Widerspruch zur internationalen Berichterstattung bildet. Man merkt wie sich die Bevölkerung Mühe gibt, das Bild nicht zu bestätigen. Es stimmt schon, was einer der anderen Reisenden auf unserer Santa Ana Wanderung meinte: „Wer in El Salvador ist, der will wirklich reisen.“ Es ist kein Land für Anfänger (obwohl man hier mit Englisch weiterkommt als in allen anderen Ländern Zentralamerikas, aufgrund vieler Verbindungen zur USA), und es hat auch keine „erste Reihe“ Anziehungspunkte. Die Mayaruinen sind kleiner, die Kolonialstädte weniger gut erhalten, dennoch hinterlässt dieses Land Eindruck. Gebeutelt von Armut und Kriminalität, hat man die ganze Zeit das Gefühl Jeder bemüht sich genau das Klischee nicht zu sein. Die Obdachlosen in den Straßen (in den meisten Ländern nehmen diese kaum Notiz von Touristen) grüßen lächelnd und wünschen Gute Nacht. Die Militärs & Polizei (überall präsent wo Tourismus waren) winken freundlich und lächelten uns an. Es war anders als in Mexiko, wo ich das Gefühl hatte, wenn ich zu lange hinschaue oder gar ein Foto mache, werde ich direkt abgeführt (Inzwischen hab‘ ich dazu die Theorie, das liegt an der NAFTA und gemeinsamen Polizei/Militärausbildungsprogrammen von USA & Mexiko. Die kucken auch häufig so grimmig, und bewegen sich so martialisch, dass sie einem das Gefühl von permanenter Bedrohungslage geben). In El Salvador nicht (zumindest nicht auf der Straße – das hebt sich die Führung für die Social Media Kanäle auf 🤐). Es ist einfach etwas Anderes wenn eine Gruppe Militärs schwer bewaffnet mit den AKs am Straßenrand steht, dich im Auto sieht und dann fröhlich winkt und lächelt. Also entweder hat dieses Land kollektiv ein Training erhalten zum Thema „wie man Ausländer nicht abschreckt“ oder das sind sie einfach die El Salvadorianer:innen, ein freundliches, bemühtes Land, welches darum kämpft, etwas anderes zu sein, als das Heimatland der größten und gewalttätigsten international operierenden Gangs. Wir haben jedenfalls überhaupt keine schlechten Erfahrungen in El Salvador gemacht, ganz im Gegenteil. Wir waren angetan von dem netten Entgegenkommen der Salvadorianer:innen und der ehrlichen Art (z.B. hätte unser Tourfahrer uns deutlich mehr Dollar für die Tour „abnehmen“ können, da wir vom Hotel über falsche Preise informiert wurden, doch die gaben das Geld zurück). Eine der wohl spannendsten Aktivitäten in El Salvador war, sich mit der Bevölkerung über die Lage, die Politik etc. zu unterhalten, aber auch das Ganze von „außen“ durch Recherche zu ergänzen. Der aktuelle Präsident ist jung, erfreut sich großer Beliebtheit weil er hart mit den Gangs ins Gericht geht, und die Bevölkerung die Gewalt selbst satt hat. Allerdings tut er dies mit zweifelhaften Methoden wie Aussetzen der Grundrechte etc., denen im Land eher wenig Aufmerksamkeit geschenkt werden und auf internationaler Ebene es kaum in die Mainstream-Medien schaffen. Die Lage im Land und die Politik ist sehr vielschichtig, es ist schwer zu sagen wohin die Reise für diesen Staat langfristig geht.
Für mich war El Salvador vor allem ein Land, in dem die Dinge die ich gelernt habe, die Geschichten die ich gehört habe, nicht mit Fotos wiedergegeben werden können. Die Eindrücke und Perspektiven der Menschen mit denen wir geredet haben, waren für mich jedoch auch eines der „versteckten“ Highlights (wenn man es so nennen kann), denn ich habe auf manche politische Aspekte verschiedene, ganz neue Blickwinkel bekommen. Z.B. ob und wie mit ausufernder Bandenkriminalität umgegangen werden sollte, hat mir einige interessante Rechercheergebnisse beschert. Zwei der interessantesten deutschsprachigen Artikel neueren Datums zur Situation El Salvadors findet ihr hier:
- https://www.fr.de/politik/jugend-gangs-in-el-salvador-wir-verlieren-eine-weitere-generation-91744589.html
- https://daslamm.ch/el-salvador-der-ausnahmezustand-ist-zur-normalitaet-geworden/
Unser Routenverlauf

Wir sind in El Salvador 360 km selbst gefahren (insgesamt 575 km)und waren 4 Tage im Land, ursprünglich wollten wir 6 Tage hier verbringen und 450 km fahren. Wir haben das Surferparadies Playa Coco – ein schwarzer Sandstrand in Richtung Honduras – ausgelassen, da das Wetter leider garnicht gut war für irgendwelche Strandaktivitäten. Die Mayaruine Tazumal stand nicht auf unserer Liste haben wir aber mitgemacht, da das Gelände wirklich klein ist, und man nur ca. 1h benötigt. Wir haben den Aufenthalt in El Salvador jedenfalls sehr genossen, und er hat uns auch wieder vor Augen geführt, in was für einer sicheren, korruptionsarmen Demokratie wir leben dürfen. Natürlich ist bei uns auch nicht alles perfekt – aber wenn man sich den Alltag der Menschen in solchen Ländern anhört und sieht (und das sind viele Länder auf der Welt!) dann gibt das unseren Problemen einen neuen Blickwinkel. Für mich ist es definitiv eine Erinnerung daran, wie privilegiert wir leben und es nicht immer angemessen schätzen – El Salvador hat mich vor allem dankbar und demütig gemacht.
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