Bunte Dörfer, türkise Quellen und eine atemberaubende Kolonialstadt – Guatemala fasziniert

Der zweite Teil unserer Guatemalareise war geprägt von schöner Natur, „interessanten“ Anfahrten in mehreren Aspekten, einem der populärsten Seen Lateinamerikas, einer wunderschönen wieder aufgebauten Stadt aus der Kolonialzeit, sowie dem größten Markt Zentralamerikas.

Aus Honduras und Copan Ruinas kommend haben wir im Städtchen Coban (nun wieder Guatemala) zwei Nächte verbracht, um am Zwischentag die längere, beschwerliche (aber definitiv lohnenswerte!) Fahrt nach Semuc-Champey („die Plitvicer Seen Zentralamerikas“) auf uns zu nehmen. Wir freuten uns auf wunderschöne Natur und wie sich später herausstellte, war die Anfahrt nach Semuc Champey selbst ein echt guatemaltekisches Erlebnis, das wir nicht erwartet hatten.

Von Coban aus ging es 1,5h in das Städtchen Lanquin. Die Fahrt dorthin ist malerisch, denn wir sind im fruchtbaren Hochland mit Nebelwäldern, Plantagen und einer lieblichen Vegetation.

Die Straße dorthin war perfekt ausgebaut, doch in der Stadt selbst endete die perfekte Straße abrupt und wandelte sich in eine Schlaglochpiste vom Allerfeinsten. Schon im Ort waren wir uns unsicher ob wir das mit unserem Bus schaffen. Von Lanquin sind es nur noch 12km bis Semuc-Champey, aber die Kies-Matschpiste war extrem steil, mit Schlaglöchern übersät und dank Regenzeit für unseren Bus ohne Allrad unbezwingbar (uns tat allein der Versuch bis dahin schon sehr leid, wie wir das Auto im ersten Gang hoch“treten“ mussten). Wir gaben nach 1,5km auf und drehten um. Am Fuße des Weges nach Semuc liegt ein kleines Hotel; bei dem stellten wir gegen kleine Gebühr das Auto ab und nahmen den „lokalen Transport“ – ein Shuttle welches regelmäßig die Einheimischen nach Semuc-Champey und v.a. in die Dörfer auf dem Weg dorthin bringt.

Wo in Guatemala Chicken-Busse nicht hinkommen, da fahren Pick-ups oder 4×4-Minitrucks und nehmen gegen kleine Gebühr Jeden mit. Obgleich nicht durch Staat oder Kommune reguliert, und ohne niedergeschriebene Zeiten oder gar vorgegebene Haltestellen, weiß trotzdem Jeder dort wann ungefähr der nächste Transport vorbeikommt. Und tatsächlich funktioniert es erstaunlich gut. Wie man an den Fotos sieht, lokaler Transport bedeutet: „Alle auf die 4×4 Pickup Ladefläche, und so etwas wie Überfüllung gibt es nicht.“ Wir haben es gezählt: Wir waren insgesamt 33 Leute auf der 2x2m Ladefläche des Pickups. 😲 Ein echtes Erlebnis für 3,50€ pro Person. 😎


Semuc-Champey („dort, wo das Wasser verschwindet/sich versteckt“) selbst ist wunderschön, und hat uns tatsächlich sehr stark an an die Plitvicer Seen / Kroatien erinnert, was Aufbau und Farbe angeht. Für die Einheimischen ist es ein beliebtes Ausflugsziel zum Baden; für uns war vor allem der Ausblick von oben (wenn auch hart erwandert) besonders und absolut lohnenswert.

Die Pickup-Rückfahrt war mit lediglich 8 Personen und etwas Proviant schon fast luxuriös. Die gößte Beachtung und Lacher haben wir bekommen als wir in Lanquin mit unserem T5 das letzte Stückchen Berg erklimmen mussten. Das ging beim ersten Mal – wegen geringer Geschwindigkeit (aufgrund der extremen Schlaglöcher und dem Wunsch den T5 nicht zu ramponieren) schief, aber beim zweiten Mal habe ich durch beherztes Anschieben das letzte bisschen Vortrieb hergestellt. Eine Frau, die ein Auto anschiebt… das gibt es wohl eher selten zu sehen. 😉 Die Herren am Straßenrand amüsierte es jedenfalls köstlich. Am nächsten Tag ging es von Coban aus nach Antigua, der ehemaligen Hauptstadt Guatemalas. Antigua ist eine Kolonialstadt, die von den Spaniern (und der katholischen Kirche) erbaut, zwischenzeitlich von Erdbeben zerstört und fast vollständig verlassen, bis sie wieder aufgebaut wurde. Auf der Fahrt dorthin haben wir ein paar Lektionen lernen müssen:

  • Auch wenn für uns eine Straßenbezeichnung wie „Route National“ nach einer großen, und damit asphaltierten Straße klingt, muss das in Zentralamerika nicht gelten. Tatsächlich mussten wir zwei Routenalternativen abbrechen, weil diese Route Nationales sich plötzlich als reine Matschpisten entpuppt hatten, auf denen ohne Allrad kein Vorankommen mehr möglich gewesen wäre. Sprich, nicht blind auf Google Maps vertrauen, schließlich haben die Einheimischen, die diese Pisten fahren dann einen Allrad (in 95% einen Toyota Hilux), und somit ist für den Google-Algorithmus das eben „eine befahrbare Straße“… 🤔
  • Die Busse (Chickenbusse genannt, weil die zumindest vor der Coronapandemie so vollgestopft wurden, wie Hühner auf der Stange) sehen zwar v.a. nachts super-cool/-stylish aus, da sie bunt bemalt und grell beleuchtet sind, fahren aber wie die Wahnsinnigen. Hier heißt es: Abstand halten, und niemals in die Quere kommen. Der Chickenbus hat immer Vorfahrt.
  • Die (teils sogar mehrspurige) Autobahn um Guatemala-City herum ist in Berghänge hinein gebaut worden. Die sich daraus ergebenen steilen Fels- und Geröllkanten wurden aber nicht zusätzlich abgesichert. Was bedeutet das? Fels-/Steinschläge sind die Regel, aber das ist nicht das Kritische. Bei Starkregen kommt es vor, dass von oben nicht nur Schlamm und Geröll runter kommt, sondern auch mal gerne „der halbe Berg“. Nicht nur dass das extrem gefährlich ist; bei uns führte das dazu, dass von der ehemals 6-spurigen Autobahn lediglich die beiden talwärts liegenden Spuren übrig blieben, was zu einem gigantischen Stau geführt hat und dazu dass man selbst lustig auf der Gegenspur fahren muss/darf.

Dadurch standen wir so massiv im Stau, dass wir für eine Strecke von knapp 35km über 3h benötigten. Erst das Einzugsgebiet rund um Guatemala Stadt, danach das Geröll auf der Autobahn.
Als wir in Antigua einfuhren war es bereits stockdunkel und nach 7 Uhr (wir sind nahe am Äquator, um 6 ist es stockfinster) und durch den Starkregen relativ leer auf den Straßen, doch wir verliebten uns schon bei der Anfahrt in diese Stadt. Wir haben Antigua der aktuellen Haupstadt Guatemala-City deshalb vorgezogen, weil die Stadt einfach deutlich schöner und sicherer ist als Guatemala-City (hier hängen an vielen Ecken in der Stadt „Panikknöpfe“, auch irgendwie lustig und ein Zeichen von vieeeelen Tourist:innen). Obgleich ein Besuch in „Guate“ sicher auch spannend gewesen wäre, haben wir es nicht bereut. Denn Antigua ist wunderschön, unzählige Innenhöfe mit Restaurants oder Kaffees, kulinarisch trifft sich hier der halbe Erdball von Japan bis Italien nach Argentinien. Es werden viele Unternehmungen geboten, wie Vulkanwanderungen, Ausflüge ins Umland etc.. Diese Stadt ist eine Wucht und für uns bisher eine der schönsten Städtchen und zurecht UNESCO Weltkulturerbe. Man kann sich hier wunderbar tagelang durch die Gässchen treiben lassen, die Vielzahl an Kirchen (v.a. die verfallene Kathedrale San José ist ein sehr schönes stimmiges Fotomotiv) und Gebäude bestaunen, oder einfach nur den guten Kaffee genießen, entspannen, der Straßenkünstlerszene zuschauen und den Kontrast von zentralamerikanischer Lebensart vor kolonialer Kulisse auf sich wirken lassen.

Wir haben es uns in Antigua gut gehen zu lassen, und wollten auch garnicht wieder weg, haben mehrfach verlängert und waren auch mal wieder super lecker essen – nicht nur das „peel it, boil or forget it“ fritierte Hühnchen, oder die Pizza, die ihren Siegeszug in komplett Zentralamerika erfolgreich beendet hat. Antigua macht einfach Freude und sei Jedem ans Herz gelegt, der dieses Land besucht.
Außerdem haben wir einen Ausflug zum größten Markt Zentralamerikas in Chichicastenango unternommen. Die indigene Stadt im Hochland Guatemalas ist ein Shopping- und Fotos-Mekka 😇. Hier reihen sich Souvenirstände an Haushaltswarenstände, Blumenverkäufer stehen am Fuße der Kirche und es wird heftig um Töpfe gefeilscht, während Einheimische Hühner in Körben auf ihrem Rücken durch die vollgestopften Gassen tragen. Ein buntes Potpourri von dem es nur schwerfällt die Augen abzuwenden und in dem die wenigen Tourist:innen unterzugehen scheinen – ein Erlebnis für alle Sinne.

Nächster Stopp war der Atilan-See, der von vier, teils aktiven Vulkanen eingerahmt wird. Mit der Stadt Panajachel als Ausgangspunkt lässt es sich auch hier wunderbar am Seeufer verweilen und dem Trubel zusehen.

Antigua und das Umland haben es uns definitiv angetan, und man kann hier gut und gerne auch 2 Wochen und mehr verbringen. Für uns ist Antigua (zumindest bislang) DIE Traumstadt Zentralamerikas.
Das Land Guatemala selbst war lebendig, vibrierend, vielfältig so wie die Kleidung der indigenen Bevölkerung im Hochland. Die Leute waren nett, die Straßen besser als erwartet, und die gefühlte Sicherheit deutlich höher. Trotz alledem ist es ein Land mit vielen Problemen, leider hat die Pandemie die Armut und Ungleichheit vergrößert, und Guatemala macht derzeit eher Rückschritte als Fortschritte. Wir haben uns auch lange mit unserem Guide in Chichi unterhalten, der uns von der extremen Diskriminierung der indigenen Bevölkerung aber auch deren Einstellungen zu Staat und Bildung erzählte (Kinderarbeit ist weit verbreitet). Es ist ein vielschichtiges Land und wir konnten nur einen kurzen Blick hinter die Kulissen erhaschen, aber hier gibt es sicher noch viel mehr zu entdecken für diejenigen die besseres Spanisch sprechen. Augenöffnende Nebengeschichte waren für uns vielleicht die entsetzten Fragen darüber, wie es für uns war durch Mexiko durchzureisen (wir hatten ja keine Probleme). Und dann die Geschichten zu hören, wie gefährlich Mexiko für Flüchtende aus Zentralamerika ist. In Massen werden Durchreisende aus Nicaragua, El Salvador, Honduras und Guatemala von Kartellen festgenommen und deren Familien erpresst um sie lebendig wieder zu entlassen oder zu arbeiten bis ihre „Schuld“ abgearbeitet ist, oder noch schlimmer, sie direkt umzubringen. Die Angst vor den mexikanischen Kartellen die auf dem Weg in die USA lauern ist spürbar (und weit größer als vor US-Polizei oder -Militär), und trotzdem machen sich weiterhin viele auf den Weg, weil in ihrem eigenen Land manchmal die Lebensumstände nicht zum Überleben reichen (hier ein interessanter Artikel zur Situation v.a. der indigenen Bevölkerung in Guatemala). Für uns war es ein spannendes aber auch polarisiertes Land, was von touristischer Seite definitiv mehr positive Resonanz verdient hat und durch seinen Facettenreichtum und Kontraste fasziniert. Und wir hoffen, dass Guatemala nicht weiter abrutscht, sondern die Kurve bekommt.


Meine Highlights in Guatemala

In Antigua hat einach alles gepasst (außer das Wetter am ersten Tag^^)
Die Anfahrt nach und Semuc-Champey selbst war einfach genial
Das Treiben auf dem Markt in Chichicastenango war ein Erlebnis

Unser Routenverlauf

Wir waren in Guatemala (inklusive dem kurzen Abstecher zu den Copan Ruinas in Honduras) 1.820 km in 12 Tagen unterwegs – geplant waren 2.200 km in 15 Tagen. Die größte Änderung ist, dass wir von Belize nach Guatemala eingereist sind, und nicht über Mexiko, dies waren am Ende auch die „gesparten“ Kilometer.


Mehr zu T5raumreise

2022 ging es wieder los – diesmal von Kanada bis Panama – 44.000 Kilometer auf dem nordamerikanischen Kontinent, unterwegs mit einem (selbst) ausgebauten T5 Bulli, den meine bessere Hälfte und ich, von Deutschland verschifften.