Okay, es war die erste Containerverschiffung meines Lebens, aber ich hätte mir nie träumen lassen dass ausgerechnet das zu einem der größten Probleme des Sabbaticals werden könnte; und uns so viel Zeit und Nerven kosten würde. Um das Chaos etwas nachvollziehbar zu schildern zu können, ist der Post etwas lang geworden, und enthält trotzdem nicht das ganze Drama.
Wir rekapitulieren: Wie vom A3 im letzten Russland-Post schon beschrieben, mussten wir den ursprünglichen Plan der Verschiffung nach Ecuador aufgegeben und stattdessen nach Valparaiso in Chile verschiffen, da wir nur dort einen sog. Shipping Agent finden konnten – mit den entsprechenden Konsequenzen, dass wir den nördlicheren Teile Lateinamerikas nicht per Auto, sondern mit Linienbussen bereisen mussten.
Doch als wäre dem nicht genug, verzögerte sich die Ankunftszeit des Frachters doppelt: Die von dem russischen Logistiker angegebene Zeit war nämlich die reine Fahrzeit des Frachters, und nicht die Zeit bis wir unser Auto wieder bekommen. Sprich 6 Tage mehr für Papierkram sowie Be- und Entladen. Aufgrund eines Streiks der Hafenmitarbeiter in Chile hat sich das Einlaufen unseres Frachters dann verzögert – noch einmal 7 Tage mehr.
Doch der pure Frust ließ bis zum Schluss auf sich warten: Schon mit gemischten Gefühlen, ob der mangelhaften Kommunikation unseres chilenischen Ansprechpartners, sind wir am 29. September morgens, zusammen mit Paula und Renan, in dessen Büro. Vom Online-Tracking wussten wir, dass der Container mit unseren Autos bereits am Vortag im Hafen von San Antonio entladen wurde. Sprich, wir hatten erwartet dass der 29.9. von Papierkrieg (Verzollung, Versicherung, Ausweise, Fahrzeugpapiere, Bzahlung, etc) geprägt sein würde, bevor wir einen Tag später das Auto am Hafen in Empfang nehmen können. Doch wieder einmal weit gefehlt: Als der werte Herr – offensichtlich zum ersten Mal – unsere Containernummer in sein System eingegeben hatte, bekam er eine Fehlermeldung. Und zwar derart, dass eine Öffnung des Containers nicht möglich sei, da die Frachtpapiere nicht vollständig wären. Bitte was???
Es stellte sich heraus, dass unser chilenischer Shipping Agent nichts von seinem Job (für den er einiges Geld bekommt) getan hatte. Ohne das brasilianische Pärchen wären wir aufgeschmissen gewesen. Nach zähen Diskussionen mit allen Beteiligten (Russland Shipping Agent, Shipping Unternehmen CMA-CGM Russland, CMA-CGM Chile & Shipping Agent Chile) kam endlich das Problem zu Tage: Es lag darin, dass es zwei Möglichkeiten der Frachtpapierausstellung gibt: Die etwas veraltete Form der OBL (Original Bill of Landing) – ein Schriftstück in Papierform, das der Skipper bzw. die ‚Endkunden‘ bei sich tragen müssen – oder den sog. ‚Telex Release‘, eine Checkbox in den elektronischen Frachtsystemen der Schifffahrtsgesellschaften. Das OBL-Verfahren ist aufwändig und teuer, und verliert deswegen zunehmend an Bedeutung (Russland); das Telex-Verfahren ist aber noch nicht überall verfügbar (Chile). Das Frustrierende daran ist: Rolando (chilenischer Logistiker) hatte Yuri (Logistiker Russland) auf dessen Nachfrage bestätigt dass Telex Release okay wäre?!? Und die Mail vom 5. September von CMA-CGM Russland an alle anderen Beteiligten spricht ebenfalls eindeutig von Telex Release. Aber keiner der Chilenen hat reagiert … und wir wussten von Nichts, da wir nur ja nur die „Kunden“ waren und auf den Email-Korrespondenzen nicht drauf waren – es war zum Heulen. Das brasilianische Pärchen und wir haben mindestens einmal pro Woche nachgefragt ob alles in Ordnung ist, ob die vorhandenen Dokumente ausreichend sind – und trotzdem fällt den Chilenen erst an dem Tag, an dem wir tatsächlich im Büro von Rolando sitzen auf, dass die Frachtpapiere „unzureichend“ sind. D.h. selbst in den Wochen des Streiks hat Niemand (weder Rolando noch die CMA-CGM Leute in Chile) jemals in sein System geschaut… Unglaublich! Und das obwohl die Mail mit den Frachtpapieren bereits am 5. September raus ging. Sprich, hätte wenigstens Einer seinen Job gemacht, wäre das Ganze rechtzeitig aufgefallen; und die Beteiligten (die beiden Shipping-Agents, sowie die lokalen CMA-CGM Vertretungen) entspannte 3 Wochen Zeit gehabt das Problem zu lösen. Uns kostete das nicht nur Zeit, sondern Geld, denn so ein nicht-entladener Container kostet jeden Tag richtig Asche für die Einlagerung. *grrr*
Das Schlimmste war, Jeder der Beteiligten schob die Schuld auf die Anderen und war wenig gewillt zu helfen, sondern damit beschäftigt Schuld von sich zu weisen.
Uns war das zwischenzeitlich herzlich egal – wir waren sauer und wollten unsere Autos. Aufgrund der Zeitverschiebung von 11h zwischen Chile und Vladivostok war es auch nicht möglich alle Beteiligten zu erreichen, denn als wir gegen Mitternacht russischer Zeit das Problem in Chile bemerkten, war von CMA-CGM Russland natürlich Niemand mehr zu erreichen. Sprich, der 29.9. war komplett verschenkt, und erst am 30.9. rückte CMA-CGM Chile endlich damit raus was die russische Abteilung von CMA-CGM ändern müsste, damit diese auf chilenischer Seite akzeptiert werde. Ätzend war vor allem wie sich die beiden internen CMA-CGM Abteilungen nicht miteinander einigen konnten, obwohl das selbe Unternehmen, ging es nur Pingpong über uns. Als dann endlich eine Lösung ausgemacht war, streikte nun das firmeninterne Tool von CMA-CGM und ließ keine Änderung zu. Der Fehler wurde an die zentrale IT Abteilung im Hauptsitz von CMA-CGM in Marseille geleitet und damit war klar, wir hatten nochmal das komplette Wochenende verloren. So etwas Inkompetentes und Unwilliges auf jeder Seite des Pazifiks ist selbst für Großkonzern-Problem-Erprobte wie wir es sind, eine Überraschung. Hier wollten Menschen partout nicht miteinander reden; geschweige denn Mitdenken!!!
Mit Bombardements an Mails unsererseits, dem Entgegenkommen der russischen CMA-CGM, und einer Stippvisite der Brasilianer bei CMA CGM in Santiago (die wohl so heftig war, dass fast die Polizei gerufen wurde), fingen die Beteiligten am Sonntagabend das Arbeiten an, und siehe da, am Montagmorgen ging es endlich zum Hafen. Der restliche Prozess war im Vergleich so einfach und reibungslos dass es erstaunlich war. Und als dann der Truck mit unserem Container vorfuhr, konnten wir unser Glück kaum fassen.
Als hätten wir nicht Spannung genug gehabt, sprang mein Schätzchen erst nach einigem Anschieben endlich an. Aber dann lief er was das Zeug hielt, und wir verschwendeten keine Minute mehr (auch weil wir uns nicht trauten das Auto auszumachen 😳) und fuhren endlich wieder vereint los.




P.S. Falls jemand das ganze Drama hören möchte (ich habe der Einfachheit halber stark gekürzt!): Mit einem großen Glas Whisky in der Hand schaffe ich es bestimmt diese Kette der Inkompetenz nachzuerzählen. 😅
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